Jan 15 • 5M

Elizabeth Strout: Lucy by the Sea - A Novel

Pandemie: for you and me.

 
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Literaturkritik
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Als ich Anfang Februar 2020 von Berlin nach Bangkok flog, wurde ich am Gate gefragt, ob ich kürzlich in China gewesen wäre. Damals gab es die ersten Berichte über den Coronaausbruch und vorsorglich war ein kurzer Abstecher nach Südchina, der ohne Visum für 3 Tage möglich gewesen wäre, doch abgesagt worden.

In Thailand verbrachte ich Tage in der übervollen Stadt Bangkok, aber die Ressorts waren bereits wie ausgestorben. In Vietnam trugen die Hotelangestellten Masken, und sie berichteten, dass es weniger Touristen als sonst gäbe.

Anfang März war ich das letzte Mal bei einem Konzert und kann mich erinnern, wie man sich nicht mehr die Hand gab oder umarmte, sondern sich mit der Berührung der Fußinnenseite begrüßte. Ich sagte zu einigen, dass dies wohl das letzte Mal für lange Zeit wäre und erntete ungläubige Blicke. Ich erinnere mich, dass ich danach voller Wehmut in eine Kneipe ging und voller schlechter Laune nach Hause. Die folgenden Monate sind seltsam verschwommen und ich erinnere mich an einen Artikel, der mir half. Er hieß: Was du fühlst ist Trauer.

Vor einigen Tagen las ich einen Essay, der sich mit dem Phänomen beschäftigte, wieviel aus der Zeit hinter einem Schleier liegt, obwohl es nicht lange her ist.

Über eine Kurzrezension stieß ich auf Elizabeth Strouts “Lucy by the Sea - A Novel”, welches im Oktober letzten Jahres erschien und noch nicht in deutscher Übersetzung vorliegt.

Protagonistin des Werkes ist - Überraschung! - die im Titel erwähnte Lucy. Diese ist eine ältere Autorin, deren 2. Ehemann vor 2 Jahren verstorben ist, aus erster Ehe zwei erwachsene Töchter hat und in New York lebt. William, ihr erster Ehemann, zu dem sie ein gutes Verhältnis hat, organisiert, dass beide gemeinsam in einem alten Haus an der Küste Maines Zeit verbringen werden, nur ein paar Wochen, wie er ihr versichert. Während William die Situation richtig einschätzt und auch für die Töchter versucht ein geschütztes Leben zu organisieren, braucht Lucy Wochen, und selbst dann scheint ihr vieles nicht klar, wie hinter einem Schleier. Ein einsames Leben, von den Nachrichten wendet sie oft die Augen ab. Nur wenige Ereignisse wie die Black Lives Matter Bewegung und der Sturm aufs Capitol brennen sich ihr ein. 

Dabei ist die Innensicht von Lucy nicht das Beherrschende in diesem Roman. Elizabeth Strout ist viel zu schlau, um das Innenleben einer älteren privilegierten Frau, die es sich leisten kann, ihre geliebte Stadt zu verlassen, die später zu einem dramatischen Brennpunkt der Pandemie wird, zum beherrschenden Thema zu machen. Unterschiedliche Perspektiven werden durch ihre Familie, ihren Bekanntenkreis, die Ereignisse im Leben ihres ersten Ehemanns William, ihre neuen Freundschaften und Kontakte zu Personen, die sie zurückhaltend als “Anhänger des aktuellen Präsidenten” bezeichnet skizziert.

Elizabeth Strouts preisgekrönte Werke, für die sie unter anderem den Pulitzer Preis, den Siegfried Lenz Preis oder Nominierungen für den Booker Prize erhalten hat, beleuchten wiederholt die gleichen Protagonisten an verschiedenen Zeitpunkten ihres Lebens, bei einschneidenden Ereignissen. So ist Lucy auch einer der Hauptpersonen in “My Name is Lucy Barton” und “Oh William!”. Die Romane sind unabhängig voneinander lesbar, es braucht nicht die Lektüre der anderen Werke. Dabei ist bemerkenswert, dass - anders als manchmal in Romanreihen mit wiederkehrenden Protagonisten - die Beschreibung vergangener Geschehnisse nicht gehetzt oder als notwendiges Anhängsel und Wiederaufzählen vielleicht bekannter Fakten erscheint, sondern diese Geschehnisse zu unterschiedlichen Zeitpunkten ihrer Reflexion unterschiedlich bewertet werden, weil die Personen älter geworden sind, sich ihre Sicht verändert hat.

Für jede Zeit - besonders bei herausragenden, die Geschichte vieler Menschen berührender Ereignisse - wird in der Literatur mithilfe von Romanen versucht, einen Sinn zu finden, eine Erklärung, vielleicht Zusammenhänge und Einsichten. Elizabeth Strouts “Lucy by the Sea - A Novel” gelingt dies für die noch nicht beendete Corona Pandemie. Dabei ist Lucys Geschichte keine allgemeingültige, die aber mit Mitgefühl symbolhaft auch andere Lebensrealitäten abbildet. Am Ende des Romans sind Lucy und die anderen gewandelte Personen, es wird kein Zurück zu einer früheren Normalität geben, denn nichts ist mehr gleich, vielleicht ähnlich.

Ein melancholisches Werk, welches seinen Reiz auch daraus bezieht, dass wir gerade alle selbst diese Tage, Wochen, Monate durchlebt haben: die dunklen Zeiten mit fieberhafter Forschung, ohne Impfung oder Aussichten darauf, die ganzen geschlossenen Orte, all die Unsicherheiten, die Angst und den Verlust von Menschen. Später dann die Hoffnung, die bittere Erkenntnis, das selbst ein so einschneidendes Erlebnis nicht dazu geführt hat, dass irgendetwas gerechter wird.
Und die Bestätigung, was uns tragen kann: Freundschaften und Liebe.