Portugals Dichterinnen
Viva as mulheres!
Als eine der wichtigsten, weiblichen Stimmen der portugiesischen Literatur des 20. Jahrhunderts gilt die Autorin Maria Judite de Carvalho, welche 1921 in Lissabon geboren wurde und 1998 auch da verstarb und deren Werk seit letztem Jahr nun auch der deutschen Leserinnenschaft zugänglich ist. Ihr Roman Leere Schränke wurde 2025 im S. Fischer Verlag erstmals auf Deutsch veröffentlicht und hat mich vom Schreibstil auf Anhieb an die von mir so geschätzte dänische Autorin Tove Ditlevsen erinnert. Thematisch dreht sich das Werk um Frauenschicksale und weibliche Identität, welche sie sachlich und präzise beschreibt. Mit ihrem geradezu minimalistischen Schreibstil und ihrer genauen Beobachtungsgabe schafft sie es, große Bilder entstehen zu lassen, denen sie letztlich einen bissigen Humor beimischt und so einen Roman schafft, in dem sie den Zustand der Gesellschaft ihrer Zeit widerspiegelt und dessen Übersetzung und Wiederentdeckung eine große Bereicherung ist.
Eine weitere aus Lissabon stammende Dichterin war Florbela Espanca, die bereits von 1894 bis 1930 lebte. Einige ihrer Gedichte finden sich in Lissabonner Dichter eine zweisprachige Ausgabe mit Gedichten von – wie es der Titel schon verrät – Lissabonner Dichtern, herausgegeben von lisbon poets & co., in dem sie als einzige Frau vertreten ist. Ein Grund mehr, auch ihrem Werk erstmalig oder wieder Beachtung zu schenken.
Eitelkeit
Ich träume, die auserwählte Dichterin zu sein,
diejenige, die alles sagt und alles weiß,
die eine reine und vollkommene Eingebung hat,
die in einem Vers die Unermesslichkeit erfasst.
Ich träume, dass ein Vers von mir die Klarheit hat,
um die ganze Welt mit Licht zu erfüllen! Und sogar die,
welche vor Sehnsucht sterben, entzückt!
Selbst die mit tiefer und unerfüllter Seele!
Ich träume, in dieser Welt Jemand zu sein...
diejenige mit dem weiten und tiefen Wissen,
vor deren Füßen die Erde sich verbeugt!
Und je mehr ich mich in den Himmel träume,
und je weiter hinauf ich in die Höhen fliege,
wache ich aus meinem Traum auf...Und bin doch nichts!...



