Lob und Verriss
Lob und Verriss - Der Podcast
Oklahoma!
0:00
-10:02

Oklahoma!

Ein Baader-Meinhof-Mandela-Gedächtniskreis

Am 31. März 1943 bahnte sich ein Umschwung im Zweiten Weltkrieg an. An der Ostfront war endlich Tauwetter, so dachten sich die Fußsoldaten, die Panzergrenadiere merkten jedoch schnell, dass fünfzig Tonnen Eisen unterm Arsch unter diesen Bedingungen nicht die besten sind, einen Weltkrieg zu gewinnen.

Zur selben Zeit saß im New Yorker Restaurant Sardi’s Lorenz Hart an der Bar und ließ sich gepflegt volllaufen. Das war seit ein paar Jahren sein MO, nur hatte er dieses Mal einen Grund. Hart war Songtexter, zu einer Zeit, als man damit so viel Geld verdienen konnte, sich in einer poshen New Yorker Bar gepflegt volllaufen zu lassen. Das Problem war, dass er sich für seinen Partner Richard Rodgers, Komponist mit Stock im Arsch, etwas zu oft volllaufen ließ, weshalb dieser statt mit ihm, mit einem anderen das Hit-Musical “Oklahoma!” produziert hatte. Dessen Premierenfeier fand in ebendiesem Etablissement statt und wir fühlen mit Lorenz Hart: alles Arschlöcher, außer man selbst. Eine super Prämisse für ein Kammerspiel, aber nicht für einen Film, merkt man, wenn man sich diesen anschaut, da kann man noch so viel oskarpotentielles Geschütz auffahren, Ethan Hawke etwa oder Andrew Scott (der Priester aus Fleabag, Moriarty in Sherlock oder zuletzt in schwarz-weiß Ripley). Einem depressiven Künstler beim Trinken zuzusehen is no fun. Wer sich eine andere Meinung zutraut leihe sich “Blue Moon”in seiner lokalen Videothek aus.

Das im Hintergrund gefeierte Werk [”Oklahoma!”, aufpassen!] setzte in mir einen Effekt in Gang, von dem ich immer noch nicht weiß, ob es ein Mandela oder ein Baader–Meinhof ist oder beides. Mit ersterem beschreibt man das Phänomen, dass man sich an Sachen erinnert, die definitiv, belegbar, so nicht stattgefunden haben. Benannt nach dem Umstand, dass sich Millionen Menschen glauben daran erinnert zu haben, dass Nelson Mandela im Gefängnis gestorben sei, war mein Mandela Effekt der, dass ich zu einhundert Prozent sicher war, dass ich das Buch “Boom Town” von Sam Anderson hier für dieses Literaturmagazin besprochen habe, aber das Internet und mein Google Drive widersprechen mir vehement und unwiderlegbar. Das Buch tut dasselbe zunächst mit die These, dass superfuckinglange Untertitel kein Zeichen von mangelnder Qualität sind. “The Fantastical Saga of Oklahoma City, Its Chaotic Founding... Its Purloined Basketball Team, and the Dream of Becoming a World-class Metropolis” klingt verstörend, ist aber eine exakte Beschreibung was man auf 448 Seiten bekommt, eine Story über eine Stadt, in einem gleichnamigen Bundesstaat, den mindestens 50% der Amerikaner auf einer Landkarte nicht anzeigen könnten und die einen zunächst nicht wirklich interessieren sollte, die aber, wie jede gute Geschichte, so faszinierende Facetten hat, dass man sich an sie noch Jahre später erinnert und man schwören könnte, man hätte davon den Leserinnen dieses Literaturmagazins berichtet.

Das Baader–Meinhof-Phänomen wiederum beschreibt den Umstand, dass man, sobald auf eine, meist obskure, Sache, Ding oder Geschichte aufmerksam gemacht, man über diese permanent stolpert. Hier: “Oklahoma!” (mit Ausrufezeichen, wie Lorenz Hart empört anmerkt [Lorenz Hart ist der Trinker im ersten Absatz, aufpassen!]). Denn uns linksgrünversifften Wokies ist die in diesem Bundesstaat liegende Stadt Tulsa natürlich ein Begriff im Zusammenhang mit dem nach ihr benannten Massaker, bei dem im Jahr 1921 ein weißer Mob eine blühende und wohlhabende Community von Schwarzen niederbrannte und geschätzt zwischen 100 und 300 Bewohner ermordete. Diese Community hatte sich über ein, zwei Generationen dort entwickelt, nachdem der Oklahoma Landrush von 1889 auch schwarzen ehemaligen Sklaven die Chance auf ein eigenes Stück Land gab. Dass dieses Land nicht nur indigenen Völkern wie den Osage oder den Quapaw geraubt wurde, sondern auch den “Five Tribes” (Cherokee, Creek, Choctaw, Chickasaw, Seminole), First Nations von der Ostküste der USA, die in diese “Territories” erst 60 Jahre vorher eingesperrt wurden, wird in der TV-Serie “Tulsa King” die sich aktuell bereits in der dritten Staffel befindet, mit nicht einem Wort erwähnt.

Das ist eine beachtliche Leistung, nicht nur an sich, sondern auch für den Autor der Serie, Tony Sheridan. Dieser ist der aktuell wohl bekannteste und interessanteste Drehbuchautor in den USA. Er balanciert den Grat zwischen Demokraten und Republikanern, East Coast High Brow und Redneck mit beeindruckender Eleganz. Er schafft Millionenhits wie benanntes “Tulsa King”, in dem Sylvester Stallone ungehemmt alles das rauslassen kann, was er in seiner Karriere bisher immer unterdrücken musste: seinen Armani Anzug kurz am Revers ziehen, ihn zuknöpfen, seine Schultern recken und strecken und unverständliches in sein Kinn murmelnd auf einen Amateur im Mafiabusiness zulaufen und ihn nur mit Hilfe seiner schieren Präsenz Beine zu machen und danach befriedigt zu nicken. Das Ganze ist eine ziemlich unverschämte Kopie von Lillyhammer, der Netflix-Serie mit Steven Van Zandt, der kleine dicke Gitarrist mit dem Schweißband auf der Stirn hinter Bruce Springsteen, nur dass der New Yorker Mafioso nicht ins sozialistische Norwegen verbannt wird, sondern in den immer noch ziemlich wilden Norden von Oklahoma, dem seriennamnesgebenden Tulsa. Das macht die Prämisse des Originals “Kapitalist zeigt Sozialisten wie es geht”, ein bisschen schwieriger umzusetzen, aber Tony Sheridan [Das ist der Drehbuchautor! Buchstäblich vor drei Sätzen erwähnt, aufpassen!] schafft das irgendwie, denn das ist sein Ding, Sachen zu schaffen, die unmöglich scheinen. Zum Beispiel sich gleichzeitig für die Belange indigener Völker in Nordamerika zu engagieren und TV-Serien zu produzieren, die von Heartland-Amerikanern geliebt und verschlungen werden, von denen im “Flyover Country”, die noch so richtig Bacon, Eggs und Hash Browns zum Frühstück essen. USA! USA!

Da ist neben “Tulsa King” der verfilmte Lebenstraum von Kevin Costner in TV-Serienform, der so angetan ist vom Ranchleben, dass er sich nicht nur 160 Hektar Land gekauft hat (schon in 2000), sondern meint, uns davon in sage und schreibe vier Filmen unter dem Titel “Horizon” erzählen zu müssen.

Der erste allein, letztes Jahr erschienen, ist drei Stunden lang, Richard Wagner schaut neidisch von oben drauf. Der vorletzte Satz fand kein Ende, fangen wir also nochmal an. “Tulsa King” ist nur eine der Erfolgsserien von Tony Sheridan, eine andere, “Yellowstone” mit Kevin Costner ist mittlerweile abgedreht und brachte es auf fünf Staffeln.

Mindestens so viele werden es sicher werden bei seinem jüngsten Serienhit, “Landman”.

Dieser spielt in Texas, südlich von Oklahoma gelegen, ein Fakt, den folgerichtig auch nur die Hälfte aller Amerikaner wissen können, aber das wird in den bisher zwanzig Folgen in sehr, sehr einfachen Worten erklärt, damit es auch jeder versteht. Es ist auch deshalb die interessanteste Serie aktuell, wenn man den oben genannten Balanceakt des Tony Sheridan fasziniert betrachtet, denn die erste Staffel ist im letzten Jahr der Präsidentschaft von Joe Biden entstanden, die zweite im ersten der zweiten Amtszeit von Donald Trump. Lässt Tony Sheridan den von einem hervorragenden Billy Bob Thornton gespielten “Landman” in der ersten Staffel noch halbwegs differenziert über das Öl-Geschäft philosophieren, so along the lines of, “Ja, Öl ist schmutzig, aber ohne Plastik hätten wir Telefone aus Holz”, erklärt das platinblonde Möchtegern-Baywatch-Model Ali Larter als dessen Frau in der zweiten Staffel völlig ohne Ironie Rentnern, die sie, warum auch immer, in ein Casino eingeladen hat, am Roulettetisch, dass man an ebendiesem gewinnen kann, indem man einfach immer auf eine Farbe setzt. Wirklich. Das ist mathematisch beweisbar und offensichtlich Quatsch, und im Monolog hat bestimmt irgendein Corporate Lawyer einen Satz eingebaut, wo das in einem minimalen Nebensatz erwähnt wird, aber der Heartland-Amerikaner, der noch so richtig frühstückt, so mit Bacon, Eggs und Hash Browns, hört ja eh nur, was er hören will, weshalb dieses Land in genau der Situation ist, in der es sich befindet, und da wir nicht aufhören können, dessen Sirenen wie Tony Sheridan zu lauschen, sind wir leider in dieser mit verhaftet.

Dabei gibt es, siehe Baader–Meinhof, siehe erster Absatz [Bitte immer noch aufpassen, wir haben es gleich geschafft!]Alternativen, und zwar, um den Baader–Meinhof-Kreis wirklich perfekt zu machen, sogar mit Ethan Hawke. Dieser spielt in “The Lowdown” einen Journalisten in Tulsa, Oklahoma, ohne Ausrufezeichen.

Er investigiert für die fiktive lokale Zeitung “The Heartland Press” die Korruption in Oklahoma, die im realen Leben so real sein muss, dass sowohl hier als auch in “Tulsa King” der Gouverneur des Bundesstaates als der Ausbund dieser dargestellt wird. In Deutschland unvorstellbar. Michael Kretschmer als lächerlich korrupter Ministerpräsident von Sachsen? Nie im Leben. Im fiktiven von “The Lowdown” sieht aus, redet und läuft Ethan Hawke’s Lee Rayborn gleichzeitig herum wie der Betreiber einer Dresdner Bar und der damenmodeverkaufende Schriftsteller nur hundert Meter von dieser entfernt angestellt, was niemandem außerhalb des engsten Freundeskreises dieses Literaturmagazins etwas sagen wird, aber, is true. Auch wahr ist, dass man die Story sowohl des Oklahoma Landrush, in den USA immer noch glorifiziert als ein Stück Freiheitskampf, als auch des Tulsa-Massakers und dessen tiefsitzenden Ursachen in einer TV-Serie erzählen kann ohne Betroffenheitslyrik, ohne Zeigefinger und stattdessen mit Situations- und tiefer Tragikomik im allerbesten Sinne. Etwas, was, um den Baader-Meinhof-Mandela-Gedächtniskreis zu schließen, Ethan Hawke in “Blue Moon” trotz allem Bemühen nicht gelang. [Ethan Hawke spielte Lorenz Hart als Trinker in der New Yorker Bar zur Premierenfeier von “Oklahoma!”, mit Ausrufezeichen, zweiter Absatz, Mein Gott, diese Aufmerksamkeitsspanne].

Da beenden wir das ganze hier besser mit der Information, dass der zweite Weltkrieg am Ende für die Guten ausging, etwas, was uns doch ein wenig Hoffnung machen sollte. USA! USA!

Diskussion über diese Episode

Avatar von User

Sind Sie bereit für mehr?