Liebe Leserinnen und Leser,
vielleicht ist es besser, gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Das heute hier vorgestellte Werk ist zwar zunächst leicht und ruhig, dann aber grausamer als vieles, was ich in den letzten Jahren gelesen habe.
Im japanischen Original wurde es bereits 2009 veröffentlicht, im englischen und deutschen Sprachraum gab es die ersten Veröffentlichungen der Werke von Mieko Kawakami 2020, “Heaven” erschien 2021. In deutsch wurde “Heaven” ebenfalls 2021 publiziert. Interessant ist hier, dass anders als bei einigen bereits bei Studio B besprochenen japanischen Büchern die deutsche Übersetzung nicht über den Umweg der englischen Übertragung erfolgte, sondern direkt aus dem Original, die Übersetzerin heißt Katja Busson. Die Übersetzung von “Heaven” folgte dem großen japanischen und internationalen Erfolg ihres Kurzgeschichtenbandes “Brüste und Eier” 2019.
Mir fiel das Buch als eines der wenigen englischsprachigen Werke im Buchhotel in Tokio in die Hände. Eine Unterkunft, die damit wirbt, jede Etage des schmalen Stadthauses mit literarischen Werken zu einem bestimmten Thema ausgestattet zu haben. Mieko Kawakamis “Heaven” war in den großen Regalen der Lobby eingeordnet. Mich faszinierte die einfache schlichte Wortwahl, die mit wenigen Worten detaillierte und präzise Situationen der äußeren und inneren Welt ihres Protagonisten schuf, wobei einige Details einzelne Ereignisse ins Licht brachten und anderes nur erahnen ließen.
Der schmale Band war bis zur Mitte gelesen, als es in das trüb winterliche Dresden zurückging, erst Wochen später beendete ich die Lektüre.
Der namenlose vierzehnjährige Protagonist lebt mit der 2. Ehefrau seines Vaters, der größtenteils nicht vorkommt, zusammen. Er ist einsam, in der Schule wird er wegen eines schwachen Auges (im Englischen “lazy eye”) gemobbt. Er ist ein Außenseiter, wenn er Gespräche führt, finden diese mit seinen Peinigern statt. Das Mobbing ist dabei nicht nur auf Verhöhnung und seelische Grausamkeit beschränkt, sondern wird zunehmend auch von körperlicher Quälerei bestimmt. Zunächst findet er jedoch einen kleinen Zettel mit dem Vorschlag, sich zu treffen. Nach langem Ringen mit sich selbst und den Zweifeln, ob sich jemand überhaupt mit ihm treffen wolle, geht er zum vorgeschlagenen Ort. Dort findet er Kojima, die mit ihm in die Klasse geht und auch von ihren Mitschülern gepeinigt wird. Dies liegt an ihrer abgerissenen Kleidung und ihrer Weigerung, sich die Haare zu waschen. Im Verlauf wird enthüllt, warum sie dies tut.
Während der Protagonist und Kojima Zuneigung und Freude entwickeln und sich die beiden immer wieder heimlich treffen und annähern, auch wenn es keine wirkliche Verständigung zu geben scheint, nimmt das Ausmaß der Quälereien durch die Mitschüler zu. Beide tauschen sich darüber aus, bitten jedoch niemanden um Hilfe. Die Grausamkeit wird durch die zuschauenden Mitschülerinnen erhöht, die nichts tun.
Die Frage nach dem Umgang mit dem Mobbing beschäftigt den Protagonisten: Er hat große Selbstzweifel, und auch wenn er nicht glaubt, dass er es verdient, treibt ihn die Frage um, warum er sich nicht wehrt. Mit einem seiner Peiniger kommt es zu einer Diskussion darüber, während der andere seine nihilistische Sicht präsentiert, nach der es egal wäre, und der Protagonist sich ja auch wehren könnte, es aber offensichtlich nicht wert ist. Große Teile des Romans sind von Empathielosigkeit geprägt. Erwachsene kommen nur am Rand vor, selten sind die Szenen, in denen diese den Protagonisten wahr- und ernst nehmen.
Es ist wie ein Haneke-Film, in dem die Grausamkeit stetig zunimmt, auch wenn sie nicht immer sichtbar ist, dann aber umso deutlicher wird. Die Härte von Mieko Kawakamis “Heaven” ergibt sich natürlich daraus, dass unsere Fantasie, unser Gehirn, aus den Worten selbst die Bilder erschafft, und damit wesentlich härter wird, als es filmische Bilder sein könnten.
Einen ganz anderen Umgang als der Protagonist, der sich nicht wehrt, findet Kojima. Sie zeigt, dass sie leidet, sie versteckt ihre Schmerzen nicht. Damit konfrontiert sie ihre Peiniger, die dadurch mit ihren eigenen Taten konfrontiert werden. Ich fand das schwer auszuhalten, und erinnerte mich aber an den Schlussmonolog Clovs in Samuel Becketts “Endspiel”. Der sagt, Zitat: “Ich sage mir… manchmal, Clov, du musst noch besser leiden lernen, wenn du willst, dass man es satt kriegt, dich zu strafen… eines Tages. Ich mir… manchmal, Clov, du musst noch besser da sein, wenn du willst, dass man dich gehen lässt…eines Tages. Aber ich fühle mich zu alt und zu weit weg, um neue Gewohnheiten annehmen zu können. Gut, es wird also nie enden [...] wenn ich falle, werde ich weinen…vor Glück.”
“Heaven” von Mieko Kawakami ist also diametral zu den hier bei Studio B vorgestellten Werken japanischer Literatur, die uns Schönheit und die Überwindung von gesellschaftlichen Missständen - alten und aktuellen - zeigen. Die erste Dekade des neuen Jahrtausends, in dem “Heaven” entstand, war wie auch viele der westeuropäischen Länder in Japan durch wirtschaftliche Reformen einer Neoliberalisierung geprägt, die für viele, vor allem Jugendliche, prekäre Bedingungen schuf und noch schlimmer das Märchen als Wahrheit behauptete, dass harte Arbeit zu Erfolg führen würde. Mieko Kawakami, 1976 geboren, stammt selbst aus einer Arbeiterfamilie und war Musikerin, bevor sie sich ausschließlich der Literatur widmete. Literatur zeigt uns hier ihre Kraft, indem sie uns andere (gefühlte, imaginierte, reale) Wirklichkeiten zeigt, die wir nicht kannten.
Ein hartes Werk, trotzdem eine Empfehlung, vielleicht ist jetzt der Frühling mit seinem hellen Licht eine gute Zeit für diese Lektüre.






