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Han Kang: Die Vegetarierin
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Han Kang: Die Vegetarierin

Bis alles Fleisch verwest...

Han Kang: Die Vegetarierin

Liebe Leserinnen und Leser,

in meiner letzten Rezension “Heaven” von Mieko Kawakami hatte ich formuliert: Das heute hier vorgestellte Werk ist zwar zunächst leicht und ruhig, dann aber grausamer als vieles, was ich in den letzten Jahren gelesen habe.

Anstatt das in zunehmendem Alter die Ausschläge immer weiter abnehmen, die Highs nicht mehr so hoch sind, die Tiefen nicht mehr so verschlingend - wenn man sich ab und zu die Zeit zum Innehalten und Nachdenken nähme, würde man doch drauf kommen, dass die generellen Erzählungen, die uns Richtlinie, Beispiel und Vorbild sein sollen einfach nicht stimmen: Ideologien der Kindheit, Anforderungen der Gesellschaft, die zurichtet bis alles passt, der verächtliche Blick aufs Alter, in dem außer Krankheiten nichts mehr passiert: geschenkt.

Und so ist die Einführung der letzten Rezension schon wieder angesagt, denn die heute vorgestellte Novelle ist - surprise - grausamer als vieles, was ich in den letzten Jahren gelesen habe. Das ist eigentlich schon mehr Spoiler, als dieses Werk verdient: Lest es, seid überrascht, und lest dann gerne hier weiter.

Na gut, das haben vermutlich nicht alle Leser*innen geschafft. Es ist aber wirklich anempfohlen, den schmalen Band, eher eine Novelle denn ein Roman zu lesen, ohne vorher etwas darüber zu wissen. Auch wenn dann wieder jemand sagt, ich würde mir einen schmalen Fuß machen. 1 2

Also, wir sind hier bei Lob und Verriss, “Die Vegetarierin” von Han Kang fällt eindeutig in die 1. Kategorie, auch wenn die ausgelösten Gefühle, die Wucht der Beschreibungen, die beschriebene psychische und physische Gewalt nicht so positiv sind, starke negativ konnotierte Gefühle hervorrufen.

Wir gehen rein: eine Frau, Yeong-hye, entschließt sich eines Tages, kein Fleisch mehr zu essen. Auslöser dafür sind grausame Albträume voller Gewalt, Kadaver und Blut.

Nun hat man vielleicht vergessen, dass es vor 20 Jahren hierzulande das Nicht-Fleisch-Essen in gewissen Landstrichen und einigen heute noch ein gesellschaftlicher Affront war und ist. Die Gründe sind vielfältig, aber eigentlich wissen auch alle, unter welch grausamen Bedingungen Fleisch hergestellt wird und lassen einen Fleischkonsum guten Gewissens eigentlich schlicht nicht zu. Eine doch hohe Ignoranz ist dafür also unabdingbar. Inwieweit die Novelle durch die Gesellschaft ihres Herkunftslandes Südkorea geprägt ist, wird in der Studio B-Diskussion besprochen werden.

“Die Vegetarierin” ist in einer Sprache erzählt, die knapp, kühl und präzise beschreibt, welche Grausamkeiten Patriarchat, eine rigide Gesellschaft anrichten.
Im Verlauf lesen wir über verschiedene Sichtweisen auf die Ausgangslage: Eine Frau hört auf, Fleisch zu essen und alle drehen durch. Ihre Entscheidung stürzt ihr konkretes Umfeld, also ihren Ehemann und ihre Ursprungsfamilie, hier: die Eltern, Bruder und Schwester in große Konflikte und hat so weitreichende Konsequenzen, dass man sich den Kopf (und später das Herz) halten muss. Dabei führt die erste Entscheidung (kein Fleisch mehr zu essen) zu weiteren - sie entledigt sich zunächst ihres BHs, später auch ihrer anderen Kleidungsstücke und stellt radikal das Mensch-Sein in Frage.

Empathie, Zugewandtheit, Akzeptanz, Respekt gar: im Roman eine große Leerstelle. Die ersten Beschreibungen der neuen Situation liefert der Ehemann von Yeong-hye, der ihre Durchschnittlichkeit preist, ihren Mangel an hervorstechenden Eigenschaften. Er betrachtet sie als verfügbar und seinen Besitz.3 Ihre Familie empfindet den unbedingten Fleischverzicht ebenfalls als Kontrollverlust und versucht mit allen Mitteln (ja wirklich), sie zum Fleischessen zu zwingen. “Die Vegetarierin” beschreibt den weitreichenden Verfall dieser Familie als geradezu zwangsläufig, der immer höhere Wellen schlägt und den Einflusskreis nach außen vergrößert. Dabei scheint der größte Konflikt die riesige Diskrepanz zwischen inneren Verwerfungen, Begierden, Sehnsucht und der äußeren Gleichgültigkeit, Stille, Abstand, der geradezu eskalieren muss. Der Abstand zwischen den eigenen Wünschen und den Konventionen belastet Yeong-hye zwar mit den weitreichendsten Folgen, zeigt sich aber auch in anderen Figuren, wie dem Schwager. Für den sind die handelnden Frauen aber auch nur Objekte, Verständnis hat er nur für seine eigene - zunehmend prekäre - Situation.

Die Abwesenheit von Empathie ist eines der vorherrschenden Motive und nur ihre Schwester zeigt sie, hier sind aber auch Schuldgefühle stark, denn sie ist diejenige, die Yeong-hye in eine Klinik einweisen lässt. Größerer Zwang durch Familie, Gesellschaft und Institutionen führt aber - so das Kalkül und in der Vergangenheit wohl auch öfter zumindest dem äußeren Schein nach erfolgreich - nicht zur Wiedereingliederung der Protagonistin, sondern zu einer immer größer werdenden Entfernung von gesellschaftlichen Konventionen. Der Tod als ultimativer Bruch mit der Gesellschaft - von Yeong-hye als Umwandlung in einen Baum (und damit des Sterbens als Mensch) angestrebt: Ist er erstrebenswert? Nachvollziehbar? Die Leser*in wird mit vielen Fragen und viel Gewalt konfrontiert.

Die Protagonist*innen in “Die Vegetarierin” verweigern dabei jede Identifikation des Lesenden mit einer der Personen.
Der Abstand ist so groß, dass immer wieder die Frage neu gestellt wird: ist es besser zu sterben als so zu leben? Muss man Menschen zwingen zu leben? Ist dies eine nachvollziehbare Reaktion auf die Gewalt und Zwänge? Vieles ist schockierend, dann aber auch eigentlich gar nicht, ein Blick in die Welt und die aktuellen Debatten reicht.

“Die Vegetarierin” von Han Kang erschien 2007 - also vor knapp 20 Jahren - in Südkorea. 2016 gewann sie gemeinsam mit ihrer Übersetzerin Deborah Smith den renommierten Man Booker International Prize. Dies half natürlich mit der Verbreitung des Werks, entfachte aber auch eine Debatte, inwieweit die englische Übersetzung korrekt oder treffend sei, war es doch eine der ersten Übersetzungen von Deborah Smith, die erst wenige Jahre zuvor mit dem Studium der koreanischen Sprache begonnen hatte. Dass ihr Han Kang beim gesamten Übersetzungsprozess zur Seite gestanden hatte, geriet während dieser Aufregung schnell in den Hintergrund.

Die deutsche Fassung “Die Vegetarierin” wurde aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee geschaffen, also nicht über den Umweg des Englischen, wie öfter bei asiatischen Werken und stammt aus dem Jahre 2016. Vor 2 Jahren wurde Han Kang dann als erster koreanischer Schriftstellerin der Nobelpreis für Literatur zugesprochen.

Ein hartes Werk, trotzdem eine Empfehlung, vielleicht ist jetzt der Frühling mit seinem hellen Licht eine gute Zeit für diese Lektüre.

1

Obwohl ich noch nie verstanden habe, was an einem schlanken Fuß schlecht sein soll. Ja, ich weiß, dass es eine Redensart ist, die anderes meint als den eigentlichen schlanken Fuß.

2

Interessant: seltsame Redewendungen mit Füßen gibt es viele: auf großem Fuß leben, kalte Füße bekommen, jemanden auf dem falschen Fuß erwischen.

3

Ja, ein richtiges Arschloch, aber da ist er nicht allein. Leider.

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