2026
oder: Ein Grund für Optimismus?
Das Erste, was man beim Busfahren in Vilnius sieht, ist die Linienzielanzeige (so heißt das Ding oben vorn über dem Busfahrer). Dort steht nicht nur die Endhaltestelle und die Busnummer wie in allen zivilisierten Ländern, es steht auch “Vilnius ❤️ Ukraine”. Warum das so ist, wird klar, wenn man auf dem Weg zum “Tor der Morgenröte”, dem letzten verbliebenen offiziellen Stadttor, einen Richtungspfeil sieht: “Minsk”, rechts abbiegen. Bis zur weißrussischen Grenze (jaja, “Belarus”), dem Land, in dem Putin aktuell geschätzte mindestens 100.000 Soldaten stehen hat, sind es 40 km. Und so hat man hier auch nach 1500 Kriegstagen, wo wir in Deutschland schon wieder über die Abschiebung von ukrainischen Geflüchteten diskutieren, den Krieg nicht vergessen, denn nach Einschätzungen der Leute, die sowas einschätzen müssen, könnte Vilnius in 1500 Tagen das gleiche passieren, was seit ebenso vielen Tagen Kiew widerfährt - eine russische Aggression.
Wieviel Überzeugungsarbeit es brauchte, um der deutschen Politik den Ernst der Lage klar zu machen, sieht man daran, dass sich die Litauer nicht zu schade sind, an die Seite des Vilniusser Rathauses eine Gedenktafel zu kleben, nur weil die Deutschen es geschafft haben, nach vier Jahren Krieg ein Bataillon (also ca. 5000 Soldaten) begonnen haben zu stationieren. Ein kleiner Preis. Das muss man in diese hübsche Grammatik packen, weil jetzt, vier Jahre nach Kriegsbeginn, natürlich erst mal nur ein paar hundert Soldaten da sind. Aber der Wille zählt, und da lässt man dann halt so ein Ding anbringen mit dem Spruch “Die Sicherheit Litauens ist auch unsere Sicherheit. Die Sicherheit von Vilnius ist die Sicherheit Berlins.”, so aufgesagt von Fotzenfritze, und den sich Friedrich Merz hat von jemandem aufschreiben lassen, der wohl schon für Peter Struck gearbeitet hat, klingt das doch verdammt nach der deutschen Sicherheit, die am Hindukusch verteidigt wurde. Das hatte ja super funktioniert.
Natürlich braucht Litauen die paar Männeken nicht, um sich vor Putin zu schützen, aber es bindet die deutsche Politik an die litauische. So etwas ist ja immer ein bisschen kompliziert, sind die Deutschen doch in fast jedem Land in Europa mal negativ aufgefallen, aber das Auftreten der Deutschen in Litauen war bis zum 2. Weltkrieg fast harmlos zu nennen, und somit ist der Standort hier der wohl zur Zeit einzig mögliche. Dass man deutsche Soldaten im Jahr 2025 an eine russische Grenze stellt, ist dennoch eine Zäsur, eine Zeitenwende, was immer ChatGPT dem deutschen Redenschreiber zur Auswahl gibt. Es ist auch eine persönliche Niederlage für mich, den ewigen Optimisten. Ich erinnere mich an einen Briefwechsel, ja, auf Papier, mit Freund der Show und ehemaligem(?) Rezensenten Heiko Schramm vor nun fast 30 Jahren (ich hatte damals natürlich schon Email, Schramm erst eine Generation später. Jetzt chatten wir sogar!). Der Inhalt liegt ein bisschen im Dunkeln, wir waren jung und sind nun alt, aber der Inhalt drehte sich unter anderem um “den Russen”, der irgendwie vor der Tür stehe. Ich antwortete damals schon dem Sorgenheiko mit meinen üblichen therapeutischen Witzen, die Antwort war irgendwo zwischen “Pah!” und “Zu unseren Lebzeiten nicht mehr!”, wohlbegründet natürlich, und das hätte ja auch alles klappen können, but, alas, wir leben noch. Timing! So wichtig beim Klugscheißen!
Spätestens seit Trump im Juni 2015 die goldene Rolltreppe runter kroch und sich in unser aller Social Feed fuckte, hat der Russe seinen Mann an der richtigen Position, und die alte Regel “Optimismus ist nur Mangel an Information” greift wieder. Deprimierend. Die Regel ist natürlich Quatsch, denn sie ist umkehrbar und wird dabei nicht falscher. Deshalb haben Dudes wie ich in ihren RSS-Feeds unter der Rubrik “Rewild“ die wildesten Typen drin, und das muss nicht unbedingt konträrer Querdenkershit sein (dafür gibt es die Rubrik “💀 Toxic Shit”), es sind oft Wissenschaftler oder ähnlich kluge Köpfe aus Gebieten, in denen man sich gar nicht auskennt, ich kann das sehr empfehlen.
Und das weite Netz zahlte sich kurz vor dem Schreiben dieser Kolumne aus. Wer immer Venkatesh Rao ist und wie auch immer er in meinem Feedreader landete (ja, ich habe ihn natürlich gevettet, bevor ich ihn hier verlinke, er ist ein Silicon Valley-naher “Consultant”, und dafür kann man ihn als “mostly harmless” klassifizieren), Rao also postete vor gerade mal zwei Tagen einen kurzen Blogpost mit dem Titel “New Nature“, und der klingt beim oberflächlichen Lesen zunächst sehr nach der Silicon Valley-üblichen Technologiegläubigkeit à la “Die Welt sich Untertan machen”. Es geht um (vermeintliche?) Gesetzmäßigkeiten in allem, was man als “Technologie” bezeichnen kann, die ähnlich fest sind wie in allem, was man als “Natur” bezeichnen kann. Rao ist generdsnipet (was man früher “down the rabbithole” nannte), und ich werde da sicher mal reinlesen - mein Optimismusradar aber pingte augenblicklich, ein paar Absätze im Text. Ich habe wie alle Ossis meine revolutionäre Theorie im Staatsbürgerkundeunterricht eingetrichtert bekommen, das übliche “Wenn die Massen nicht mehr so weiter leben können und die Regierenden nicht mehr so weiter regieren”, und Echos findet man in den ersten drei Punkten:
Technology is not neutral but has an asymmetric bias favoring one kind of actor or another
The favored actor is usually the one who is already more powerful
The worst evil generally emerges from the corruption of power
Soweit so gut, Heiko Schramm sagt: “Siehste!”. Aber ich antworte mit Raos viertem Punkt:
There are ways to make that hard or impossible through rare technologies with the opposite bias
Kurz: Es tauchen immer wieder Technologien auf, die der (gerade live beobachtbaren) Konzentration von Macht entgegenwirken. Aufgeführt wird hier PKC, public key cryptography. Das ist die Technologie, die heute hinter jeder Website mit dem Schloss in der Adressleiste steht (oder vor, für die Nerds), hinter jedem Signalchat, hinter jeder Kommunikation, die man vor “den Regierenden” verbergen will. Was diese Technologie zu einer der oben genannten “seltenen” macht, die den Massen helfen, im Gegensatz zu den Regierenden (alles in Anführungszeichen gedacht), ist ein mathematischer Fakt (soviel zum Thema Natur vs Technologie): P ≠ NP. Ich kann kaum Kopfrechnen und lese Mathematik ausschließlich aus ästhetischen Gründen und kann auch nach dem Hören mehrerer Podcasts, Lesen von Wikipediaartikeln und angestrengtem Prompten von AIs (”Erkläre mir den Quatsch wie einem Vierjährigen!”) nicht genau erklären, was passiert, Fakt ist, dass moderne Verschlüsselungsverfahren mathematisch nicht entschlüsselbar sind. Modern verschlüsselte Nachrichten sind also auch nicht durch überdimensionalen Aufwand aushebelbar, sie sind gar nicht entschlüsselbar. Das macht sie so gefährlich für alle, die Macht haben, und werden entsprechend bekämpft, und geben den Optimisten in dunklen Zeiten die Zuversicht zurück. Denn wo eine solche den Weltenlauf bedrohende Technologie ist, sind auch andere, man muss sie nur identifizieren.
Bisher war das eine akademische Übung für Nerds und andere Menschen mit zu viel Zeit an der Hand. Jetzt, so kurz vorm Faschismus, muss man sich auf einmal persönlich und zeitnah darum kümmern. Das macht in dieser Dringlichkeit nur Leuten wirklich Spaß, die immer noch denken, “Mögest Du in interessanten Zeiten leben” sei ein chinesisches Sprichwort. Aber wer schon mal eine wirkliche “Revolution” erlebt hat, spürt den Zug der Zeit, und deshalb abonniert man community-orientierte Telegramchannel, fragt Leute, wie man seine Kommunikation verschlüsselt, bildet sich immer ein, zwei Stufen über dem eigenen Wissensstand und holt sich schon mal providerunabhängige Kommunikationstechnologie.
Dann kann auch 2026 kommen.


